Restaurierung - Bertram Streicher

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Kath. Wallfahrtskirche "Unsere liebe Frau vom Berge Karmel" in Mussenhausen: Restaurierung der Deckengemälde von Johann Baptist Enderle 1763

arrow Kurzbeschreibung der Fresken und Datierung
Mussenhausen-LanghausNach Genesung von einer Krankheit baute der Söldner Philipp Schropp 1649 eine kleine Holzkapelle und stellte darin ein von deinem Bruder Albrecht, Schuhmacher in Eutenhausen, gemaltes Ölbild der Skapuliermuttergottes auf. Wegen der einsetzenden Wallfahrt 1653 Errichgtung einer größeren, gemauerten Kapelle (der heutige Chor) in gotisierenden Formen mit Strebepfeilern. 1668/69 Anbau des Langhauses, 1676 Erhöhung des Chors und Neubau von Turm und Sakristei durch Thomas Natter. Im dritten Viertel des 18. Jhs. völlige Umgestaltung des Inneren. Restaurierung 1976ff.
Hellfarbige, fein nuancierte Fresken von Johann Baptist Enderle, einer der umfangreichsten Zyklen des Donauwörther Malers; Chor 1756: Tempelgang Mariä, seitlich vier Erdteile, sowie vier Tages- und Jahreszeiten; am Chorbogen marianische Embleme; Langhaus 1763: flächenfüllendes Hauptbild mit Himmelfahrt Mariä, in der Voute Kartuschen mit zwölf Königen und Fürsten: östlich Hl. Drei Könige, südlich die hll. Ludwig, Leopld und Stephan, westlich Ezechias, David und Josias, nördlich die hll. Ferdinand, Heinrich und Casimir, an den Wänden fünf kluge Jungfrauen; an der Emporenbrüstung Tod und Begräbnis Mariä sowie Porträts Eutenhauser Pfarrherren, von links nach rechts: Ulrich Deschler (Erbauer der steinernen Kapelle), Martin Baur (Erbauer des Langhauses), Johann Michael Mayr (Initiator der Barockisierung), Simon Petrus Reßle (Erbauer des Priesterhauses) und Johann Jakop Schropp. (nach Dehio Bayern III: Schwaben; S.745f.)
arrow Umfang der Arbeiten und Konzept
Mussenhausen-LanghausMussenhausen-LanghausDie Arbeiten umfassen eine umfangreiche Putzfestigung an den Putzträger mittels Hinterspritzen, sowohl an dem gemauerten Gewölbe im Chor als auch an der Lattenkonstruktion im Langhaus.
Festigung pudernder und schollender Malschicht, Festigung von Mordentvergoldung am Chordeckenbild und an den Brokatflächen im Chor; eine mehrmalige Entsalzung mittels spezieller Kompressen an salzgeschädigten Bereichen; Abnahme von Gipskittungen und losen Kalkputzkittungen; das Entfernen von Nägeln und Verschraubungen; Abnahme von Überzügen und Fliegenkot am Chorgewölbe mit Wasserdampf; Reinigung der Bilder im Langhauses mit Wasser und Mikroporenschwamm oder Akapad weich; Abnahme der Übermalungen und Überkittungen im Bereich der Maria am Langhausdeckenbild, Neukittung von Putzfehlstellen; Retusche und malerische Ergänzung im Bereich der Maria und umliegender Engel; Retusche der Kittungen, alter stark störender Übermalungen und Retusche von Malschichtfehlstellen.
arrow Putzsicherung im Chor
Mussenhausen-ChorMussenhausen-LanghausDie Putzablösungen im Chor sind meist sehr dünn, aber großflächig. Überwiegend zwischen Fein- und Grobputz sowie zwischen Grobputz und der glatten Oberfläche der ersten Ausstattungsphase. Häufige Überarbeitungen (Romanzement, vmtl. zwei Restaurierungen mit Gips und mind. eine mit Kalkmörtel) weisen allerdings auf lange zurückreichende statische Probleme. Die immer wieder überarbeiteten Schadensbereiche haben sich bei jeder Restaurierung weiter ausgeweitet. Zu harte Kittungen und Nägel verhinderten minimale Bewegungen der Putzschale; durch diese Spannung weitete sich das Rissenetz aus.
Die statische Maßnahme der 50er Jahre (Stahlkorsett beieinflusst das heutige Schadensbild sichtlich: beim Einschlagen der Nieten/Nägel von oben in die recht kleinen Ziegel kam es zu enormen Vibrationen; dadurch wird sich der mürbe Fugenmörtel (ist heute nur noch in Resten vorhanden) weiter aufgelöst haben. Der weiche, magere Freskoputz, der auf der glatten Oberfläche und dem festen, stabilen Putz der 1. Ausstattungsphase nur schwach angebunden ist, hat sich sicherlich durch die Vibrationen weiter gelöst. Auffällig war beim Hinterfüllen die großen Mengen losen Sandes, der durch die Hinterfülllöcher herausrieselte (vmtl. Fugenmörtel und Arriccio).
Der Ausgangssituation angemessen kamen verschiedene Hinterfüllmaterialien zum Einsatz.
- PLMA-AL: größere, verformbare Bereiche mit anschließender Abstützung/Rückbildung
- Calxnova: schmale, kleine Hohlstellen, die häufig „nur“ durch mürben Putz entstanden sind und sich nicht/kaum bewege
- Syton W30: kleinere Putzschalen, die dünn zwischen Fein- und Grobputz oder 1. Ausstattungs- phase abgerissen sind (anschließendes Abstützen!)
- dünne Kalkmilch: Inselausbrüche
Anschließend Abkleben mit Japanpapier, um Flecken-/Randbildung zu vermeiden. Breitere Risse wurden mit Cyclododekan abgesperrt. Das Chorbild wurde in mehreren Schritten gesichert, da sich bei der Rückformung teilweise die Randbereiche, die vorher nur schmale Hohlstellen bildeten, weiter ablösten.
arrow Putzsicherung im Langhaus
Mussenhausen-LanghausMussenhausen-LanghausNotsicherung: Für die Dacharbeiten wurden gefährdete Bereiche des Deckenbildes und der Kartuschen gesichtert. Hohle und lose Putzbereiche wurden mit Styrodurrplatten mit Papierauflage als Polsterung (ungechlortes Löschpapier zur Vermeidung von Staunässe) und Teleskopstangen unterstützt. Vor der Abstützung wurde die Malschicht mit Tylose MH 300 1% flächig über Japanpapier gefestigt.
Putzsicherung: Hinterspritzung mit PLM-AL und Calkxnova.
Größere Putzplatten und aufstehende Rissbereiche mit PLM-AL hinterfüllt, anschließend die feuchten Bereiche mit Japanpapier abgeklebt, um Randbildung zu vermeiden. Breitere Risse mussten mit Cyclododecan temporär verschlossen werden. Je nach Hohlstellengröße wurden maximal 120ml Material eingebracht. Nach Bedarf wurden die hinterfüllten Bereiche zusätzlich mit Teleskopstangen abgestützt, um eine bessere Anhaftung zu gewährleisten. Nach dem Austrockenen wurde in einem Kontrollgang nachgesichert.
Dünnschalige Putzabscherungen, die sich vor allem im Rahmenbereich befanden wurden mit Calxnova gesichert.
arrow Restaurierung der Mariendarstellung
Mussenhausen-LanghausMussenhausen-LanghausMussenhausen-LanghausDer Bereich um die Mariendarstellung ist durch einen Salzschaden und mehrere Überarbeitungen verfälscht und geschädigt. Um eine Salzminderung und Sicherung der restlichen originalen Malerei zu ermöglichen, wurden die Übermalungen so weit als möglich entfernt.
Die Übermalungen der Mariendarstellung und der sie umgebenden Wolken wurden mit Ammoniumcarbonatkompressen (100%AC in Wattekompresse) und anschließender Abnahme mit dem Wasserdampfstrahlgerät reduziert. Teile der verbleibenden dickschichtigen Übermalungen konnten mit einer zusätzlichen Behandlung mit einer gepufferten Citratlösung weiter reduziert werden. Im Bereich des Engels zur linken Mariens wurden neben den Übermalungen auch die Überputzungen mit Gips mechanisch mit Skalpell reduziert. Es zeigte sich ein Engel mit anderer Körperhaltung.
Um eine geschlossene, plane Oberfläche für die Teilrekonstruktion zu ermöglichen, wurden alle Altkittungen entfernt, anschlißend die mürben Putzbereiche und Malschichtblasen mit Syton W30 (1:8 in Wasser) gefestigt. Die Neukittung erfolgte mit einem mageren Kalkmörtel, der teilweise mit Kalksteinmehl versetzt wurde, um einen dünneren Auftrag in den dünnen Malschichtfehlstellen zu ermöglichen. Nach dem Austrocknen der Kittungen wurde auf den gesamten Bereich eine mineralische Neutralkompresse (6T Quarzsand – 3T Poraver – 1T Sepiolith; ca. 1 l dest. Wasser auf den m²) zur Salzminderung aufgebracht.
Nach dem Austrocknen und der Abnahme der Kompresse wurden kleinere, stärker salzbelastete Bereiche ein zweites Mal behandelt.
Rekonstruktion: Die Rekonstruktion führte Franz Fersch mit Trockenpigment in Kalk aus.
Maltechnik und Restaurierungen
Lattenabdrücke im Putz, um die Mittelachse der Kartuschen zu markieren
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Übermalungen im UV-Licht
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Arbeitsschritte und Ergebnisse
Reiniung der Kartuschen mit Latexschwamm
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Fliegenkotbefall und Reiniung der Chorbilder mit Wasserdampf
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Neukittung der Schrotlöcher (weicher Kalkmörtel anstatt Romanzement, der schon den umliegenden originalen Putz angegriffen hatte)
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Puttengruppe mit mehreren Überarbeitungen wurde homogener gestaltet
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Entsalzung, Festigung und Rekonstrukion der Mariemgruppe im Langhaus
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